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Silberfunken - Gildins Reise ins neue Leben - Warum wir es vor 20 Jahren nicht geschafft hätten

Teil 13


Dass Gildin und ich vor 20 Jahren nicht den Hauch einer Chance gehabt hätten, wäre am wenigstens daran gelegen, dass ich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Hund gehabt oder noch keine Hundeschule von innen gesehen hätte.


Damals begleitete mich ein wunderbarer schwarzer Labrador namens Roger durchs Leben, und dass er so wunderbar war, lag einzig an grandiosen Anlagen, einem unerschütterlichen Wesen und einer sagenhaften Resistenz gegen die Auswüchse meiner Unqualifiziertheit und Ahnungslosigkeit, - die ich, rückblickend betrachtet, damals mit dem Großteil (auch der uns bekannten) Hundemenschenwelt, Hundehalter_innen wie Trainer_innen, teilte.

Die sich damals noch sehr offen deklariende Haudrauf-Fraktion fand ich auch zu dieser Zeit bereits sehr befremdlich und hielt mich fern – und dennoch werde ich diesen wunderbaren Hund, den ich 16 Jahre lang an meiner Seite haben durfte, niemals genug um Verzeihung gebeten haben für all das, was ich an Fehlern gemacht habe, für alles, was ich nicht gesehen und verstanden habe, für meinen naiven Glauben an Mythen und falsche Grundsätze.

Roger, es tut mir unendlich Leid.



Dass Gildin und ich zu jener Zeit ganz furchtbar traurig gescheitert wären, wäre weniger an Gildin, sondern an genau diesen Fehlern gelegen – an den Dingen, die mir als junger Ersthundehalterin von Anderen geraten wurden, von Laien wie Profis, und denen ich Glauben schenkte.


So, jetzt wäre bei einer Kurzgeschichte der Zeitpunkt, wo wir uns zurücklehnen und beruhigt seufzen, weil ja heute alles anders und besser ist.


Nur – das ist es nicht.


All die überholten Dogmen, widerlegten Annahmen und Grundsätze und falschen Unterstellungen, sie sind alle noch da. Sie sind neu gestylt, in modern und/oder natürlich anmutende Konzepte verpackt und klingend benannt und überaus bestrebt, nicht nach dem zu klingen, was sie eigentlich sind. Selten nur noch zeigen sie provokant achselzuckend ihre tatsächliche Gestalt.


Aber, sie sind noch da.


Auf der Hundewiese. In hübschen Werbungen und auf nett gestalteten Seiten in den sozialen Netzwerken. In Trainingsvideos. In Hundeschulen.

Sie erklären sich in schönen Worten und anhand von kreativen Konstrukten der Gedankenwelt unserer Hunde, oder mit der „Natürlichkeit“ ihrer Maßnahmen, sie deklarieren gezeigtes Verhalten zweckmäßig um, sie locken mit einfachen, schnellen Lösungen.


Ich möchte, dass niemand mehr rückblickend seinen Hund um Verzeihung bitten muss für Dinge, die man nicht besser wusste. Ich möchte, dass die Gildins heute eine echte Chance haben und ihnen die nicht mehr so leicht genommen werden kann.

Deshalb räumen wir jetzt hier mit erstmal drei noch immer äußerst gängigen Mythen auf, indem wir sie auf die Grinsehunde-Bühne stellen und der kleine Terrier sie pudelnackig ausziehen und zerpflücken darf:





1. „Wenn dein Hund dich anknurrt, unterbinde das, das hat er nicht zu tun!“


... ist von der gleichen Qualität wie das Abklemmen der Tankanzeige im Auto oder das Entfernen der Batterien aus einem Rauchmelder. Kann man vielleicht noch machen, wenn man seinem Hund beigebracht hat, Schilder zu schreiben und hoch zu halten, auf denen „Stop, bitte!!!“ steht. Genau das heißt es nämlich – und darüber hinaus, dass wir bereits eine Menge anderer Kommunikationsversuche mit dem gleichen Inhalt davor übersehen haben. Knurren steht schon relativ weit oben auf der Eskalationsleiter – ignoriere ich es oder strafe ich es ab, wird der kleine Terrier auf die nächste Stufe klettern müssen – und mich beißen. Wird das Knurren heftig und immer abgestraft, startet er in Zukunft gleich auf der höheren Sprosse, weil sich mit sinnlosen Dingen aufhalten keinen Zweck hat.


Quelle: https://www.hunde-kunde.at/de/Themen/iTopicId__21.htm


Gildin kam als Angstbeißer zu mir. Was hat er noch nie getan? Geschnappt oder gebissen.

Auch kaum je geknurrt – warum auch, wenn ein Wenig schief schauen genügt.


2. „Du musst dem Hund zeigen, wer hier der Rudelführer ist!“


... sagt der Primat in uns, der die Hose voll hat, einen an den Haaren herbeigezogenen Rangordnungsposten zu verlieren. Gegenüber einem Lebewesen, in dessen Welt diese Rangordnung nicht vor kommt (der kleine Terrier verwehrt sich an dieser Stelle gegen diese zutiefst vermenschlichende Unterstellung!), und bei dem der Mensch entscheidet, wann es schläft, pinkelt, Ansprache oder Ruhe hat, spielt, wohin es geht und was und wann es isst? Wirklich?!

Dieser vielfach widerlegte Uralt-Schinken basiert auf der Beobachtung einer zusammengewürfelten Wolfsgruppe in einer Zwangslage (Gehege) und ist weder auf frei lebende Wolfsrudel und schon gar nicht auf unsere Haushunde und uns umlegbar. Zu den Caniden gehören wir übrigens wirklich nicht, egal, wie wir uns mühen (und dabei lächerlich machen). Selbst der Wissenschaftler Dr. David Mech, der "Urheber" dieser Rudeltheorie, stellt die Ergebnisse seiner ursprünglichen Forschungen schon lange in Frage.


Wir könnten natürlich schon nach diesem Modell leben – wenn wir als Menschen in Zukunft vorhaben, unser Sozialverhalten nach den Beobachtungen an Insassen in lateinamerikanischen Massengefängnissen zu orientieren. Nicht so erstrebenswert, oder? Weil es dann von Brutalität, dem Recht des Stärkeren, Rücksichtslosigkeit , Unverständnis dem Nächsten gegenüber und Gewalt geprägt wäre.


Diese Art des Zusammenlebens unseren Hunden aufzwingen zu wollen, ist unendlich unfair und der wahre Gipfel der Vermenschlichung. Warum es manchmal so aussieht, als würde es doch funktionieren? Weil ein Hund, der gelernt hat, dass sein Mensch so tickt und damit eine konstante Bedrohung darstellt, sicherheitshalber so gut wie jedes gerade nicht verlangte Verhalten einstellt, und damit weniger „falsch“ macht.


Und nein, es ist keine persönliche Entscheidung, wie man das handhabt. Dann dürfte sie nämlich nur einen Beteiligten betreffen – tut sie aber nicht, lässt Gildin ausrichten. Er ist auch noch da!

Er hätte heute keine große Schäferschwester, die ihn empathisch und liebevoll begleiten kann, hätte ich mich nicht vor Jahren richtig entschieden, als die große Schäferschwester nicht als Sozial-Queen, sondern als schwerst reaktives, missverstandenes Hundemädchen mit schwerem Erbe ihren Weg begonnen hat.







3. „Da muss er durch!“


Wie gern möchten wir für unsere Hunde die sein, an die sie sich wenden, denen sie vertrauen. Hier kommt die schnellste Lösung, das mit Langzeitwirkung zunichte zu machen:

Man beschließe, dem in unserem Fall kleinen Terrier zu zeigen, dass Menschenansammlungen gar nicht furchtbar sind und ihm nix passiert. Um den Beweis anzutreten, setzen wir uns mit dem kleinen Terrier am Samstag für mehrere Stunden in ein Einkaufszentrum. Wenn er dann irgendwann zu schlottern aufgehört und Fluchtversuche eingestellt hat und ins Leere stiert, sind wir stolz, weil wir haben ihn ja geheilt. Ist ihm ja nix passiert. Ist es nicht?

Mit Feuerwerk lösen wir das dann ganz ähnlich, ab in den Garten zu Silvester, wir haben schließlich was zu beweisen. Und an Kinder gewöhnt er sich genauso schnell, wenn wir uns zu einem Spielplatz einen Sommersonntag lang stellen.

(Alle Beispiele sind leider nicht erfunden, auch wenn sie natürlich nicht Gildin betroffen haben!)


Flooding nennt sich diese Reizüberflutung bis zur – nein, nicht „Heilung“, sondern Aufgabe.

Besonders übel ist die Variante, bei der dann noch das Ausdrucksverhalten abgestellt wird, weil so der „Erfolg“ schneller eintritt, z.B. bei reaktivem Verhalten bei Hundebegegnungen, Autos verbellen u.Ä. Sichtbar ist dieser „Erfolg“ dann z.B. in Quickfix-Trainings-Erfolgsvideos, wo gejubelt wird, dass Hund in nur einer Stunde, einem Tag „korrigiert“ wurde.

Wenn sich der kleine Terrier nach einer Lerneinheit mit mir so zeigt, wie dort oft sichtbar, weiß ich, dass wir Hilfe brauchen – und zwar jetzt wirklich dringend, von jemandem, der oder die es um Welten besser kann als ich.


Hinter einem Verhalten steckt immer eine Emotion. Das Verhalten abzudrehen, ändert nichts zum Positiven.


Ein zuverlässiger Partner bietet Sicherheit und führt nicht in den Konflikt, um dann dort vielleicht auch noch aversiv einzuwirken. Das funktioniert genau so lange, wie die Unannehmlichkeit der zu befürchtenden Konsequenz als Deckel für die Emotionen ausreicht. Genau so lange ist es für den Menschen auch eine super selbstbelohnende Sache, weil das unerwünschte Verhalten des Hundes nicht mehr auftritt.

Der menschliche Egoismus dahinter verbirgt sich schlecht.


Gildin findet mit Recht, dass ich die unbedingte Verantwortung ihm gegenüber habe, ihn zu schützen, ihm zuzuhören, und dafür zu sorgen, dass er sich besser fühlen kann in dieser Welt.


Nur so kann er tatsächlich lernen, dass vieles, von dem er es annahm, tatsächlich keine Bedrohung darstellt und ich sein Vertrauen wert.


Und dann kann auch ein kleiner, alter Terrier mit Trauma neuen Dingen neugierig gegenübertreten und sich an einem Geschenk freuen.



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